Tessinweekend

Zettis, Zitronensorbet und ein Ufo namens Sonne

Der Start in unser Ticino Weekend war so holprig, dass man fast meinen könnte, wir hätten es geplant. Unsere älteren Zettis zeigten nämlich wieder einmal, dass sie Charakter haben. Gleich drei Fahrzeuge meldeten technische Befindlichkeiten – offenbar wollten sie uns daran erinnern, dass wahre Liebe zu Oldtimern Geduld, Humor und ein gutes Netzwerk an Pannendiensten erfordert. Einige Mitreisende stiessen deshalb erst am Abend zur Gruppe. Man könnte sagen: Wir reisten gestaffelt ein, wie eine gut choreografierte Tanztruppe… nur ohne Choreografie.

Zwischen Erstfeld und Bellinzona begleitete uns der langersehnte Regen. Leider nicht der romantische Sommerregen, sondern die Variante «strömt wie aus Kübeln». In Bellinzona trafen wir unsere Reiseleiterin Rosetta, die uns trotz Wetterkapriolen mit einem sonnigen Gemüt empfing – die erste Sonne des Tages, sozusagen.
Durch mystische Wälder und Nebeldunst kurvten wir hoch nach Lanzo d’Intelvi. Dort verabschiedeten wir uns im strömenden Regen von unseren Zettis und flüchteten ins Restaurant La Baita. Die Küche servierte uns wohltuende Speisen, die unsere Bäuche und Seelen gleichzeitig aufwärmten. Das Sorbet al Limone wurde uns «gerührt» und luftig gereicht – ein Dessert, das so elegant daherkam, dass wir kurz überlegten, ob wir dafür eigentlich Abendgarderobe hätten tragen sollen.

Den Aussichtspunkt Balcone d’Italia strichen wir aus dem Programm. Der Nebel hatte beschlossen, heute exklusiv zu sein und niemandem den Blick auf den Luganersee zu gönnen. Also weiter durch den Malcantone nach Cademario. Im Kurhaus Cademario genossen wir Kaffee oder ein kühles Getränk in einem Ambiente, das so gepflegt war, dass man sich automatisch ein bisschen gerader hinsetzte. Durch die grossen Fensterfronten drang immer mehr Licht – und um 16.02 Uhr zeigte sich eine helle Kugel am Himmel. Ein Ufo? Nein, tatsächlich die Sonne! Wir waren kurz irritiert, aber dankbar.

Um 16.42 Uhr dann der Moment, der in die Klubgeschichte eingehen könnte: Halt, Verdeck öffnen, weiterfahren unter blauem Himmel und Sonnenschein. Die Zettis schnurrten zufrieden, und wir auch. Nach dem Einchecken im Hotel spazierten wir ins Restaurant BLU und genossen ein feines Nachtessen direkt am Wasser.

Samstag: Campo, Bosco Gurin und die Monsterroller Melancholie
Am Samstag führte uns der Ausflug bei strahlendem Sonnenschein nach Campo und Bosco Gurin. Nach einer zügigen Fahrt durch die Vallemaggia wurden wir in Campo von Herrn Pedrazzini begrüsst. Er entführte uns in die Familiengeschichte, in der Tatkraft und Weitblick zu einem florierenden Handel führten, der sich über ganz Europa erstreckte. Nachdem wir das Dorf auf eigene Faust auskundschafteten, trafen wir uns auf der Terrasse und genossen ein herrliches Risotto – ein Gericht, das so gut war, dass man kurz darüber nachdachte, ob man nicht doch ein Risotto Klub gründen sollte.

Im Konvoi rollten die Zettis durch die engen Kurven weiter nach Bosco Gurin. Eine charmante Reiseführerin führte uns in die Dorfgeschichte ein, erklärte die Sommer- und Winterkreuze auf dem Friedhof und lotste uns durch Gässchen, die so eng waren, dass man automatisch den Bauch einzog. Plötzlich standen wir vor einem kleinen Coop-Laden – ein unerwarteter Anblick, denn wer rechnet mitten im historischen Rundgang mit Sonderangeboten?

Im Museum erhielten wir Einblicke in die Lebensräume der Bosco Guriner Vorfahren. Die heftigen Regenfälle der letzten Tage hatten Erdrutsche und Steinschläge verursacht – unsere geplante Fahrt mit der Sesselbahn auf den Rossboden wurde annulliert. Einige Teilnehmende vermissten die rasante Fahrt mit dem Monsterroller… man hörte leises Seufzen in der Gruppe.

Zurück in Locarno machten wir uns frisch und fuhren mit dem Bus ins Restaurant l’Approdo, direkt am See. Bei milden Temperaturen und einem traumhaften Sonnenuntergang genossen wir unser Abendessen. Einige Tatkräftige marschierten zu Fuss der Seepromenade entlang. Der helle Mondschein über dem See liess uns die Handys zücken – romantische Stimmung muss dokumentiert werden. Tipps für die besten Fotos wurden rege ausgetauscht und Bilder verglichen.

Kurz vor dem Ziel ertönte heisse Latino-Musik, die uns spontan mitwippen liess. Im Hotel trafen wir wieder auf die öV Nutzer und liessen den Abend gemeinsam mit einem Schlummertrunk ausklingen – ein würdiger Abschluss eines Tages, der alles bot: Sonnenschein, Geschichte, Kulinarik, Natur, Humor und ein bisschen Monsterroller Wehmut.

Cardada–Cimetta: Ein Tag zwischen Nebelschwaden, Glöckchen und Pizza Euphorie
Unser Ausflug begann mit der Standseilbahn von Locarno nach Orselina – eine Fahrt, die so sanft dahingleitet, dass man sich kurz fragt, ob man überhaupt noch in Bewegung ist oder bereits meditativ schwebt. Oben angekommen, wechselten wir in die elegante Botta Luftseilbahn, die uns nach Cardada brachte. Architektur trifft Aussicht, und wir mittendrin.

Auf der Aussichtsplattform erwarteten uns… mystische Schwaden, die sich wie ein Vorhang über die Landschaft legten. Also starteten wir ein kleines Ratespiel: Wo liegt das Centovalli? Wo versteckt sich das Onsernone Tal? Wir zeigten in verschiedene Richtungen und diskutierten engagiert.

Der Fussmarsch war kurz, der Sessellift nach Cimetta dafür umso gemütlicher. Oben angekommen blickten wir über das Tal in neblige Abgründe, die gleichzeitig beeindruckend und ein bisschen geheimnisvoll wirkten. Dazu bimmelten irgendwo Glöckchen – ein Soundtrack, der perfekt zu dieser alpinen Szenerie passte.

In der Capanna Cimetta wollten wir eigentlich draussen sitzen, doch die «zügige Atmosphäre» (auch bekannt als: es war kalt) trieb uns ins Restaurant hinein. Nur die härtesten Cabriofahrer blieben draussen, wickelten sich in Decken und taten so, als sei das alles völlig normal. Wir anderen widmeten uns den feinen Pizzen, die wir teilten – und teilten – und teilten. Der Nachschub kam zuverlässig, bis wirklich der letzte pappsatt war.

Und dann geschah es: Der Himmel riss auf. Die Sonne strahlte plötzlich, als hätte sie nur auf ihren dramatischen Auftritt gewartet. Vor uns lag eine fantastische Aussicht über den gesamten Lago Maggiore – ein Panorama, das uns kurz sprachlos machte. So viel Schönheit nach so viel Nebel: ein perfekter Abschluss.

Zum Schluss ein herzliches Dankeschön an Rosetta, unsere unerschütterliche Reiseleiterin, und an Bruno, der ihr mit Rat und Charme zur Seite stand. Ein Duo, das jede Wolke vertreibt – selbst die am Himmel.

DS